Zopf ist ein Quartier in Adliswil. Und «alter Zopf» wäre wohl eine ziemlich unpassende Beschreibung für das imposante Atelierhaus, das wir heute besuchen dürfen.
Doch der Reihe nach: Bevor Mariya und ich uns auf den Weg machten, stand zunächst eine ganz andere Frage im Raum: Was bringt man einer Familie mit, die man zum ersten Mal zuhause besucht? Wir entschieden uns für etwas sehr Schweizerisches und sehr Persönliches: einen selbstgebackenen Zopf.
Noch warm, duftend und leicht dampfend lag er im Kofferraum, als wir Richtung Adliswil fuhren. Was wir damals noch nicht wussten: Unser Ziel lag im Quartier Zopf.
Ein ziemlich schöner Zufall. Einer dieser kleinen Momente, die man im Nachhinein fast für zu gut erfunden halten könnte. Dabei war es genau andersherum: Wir hatten nichts davon geplant.
Manche Geschichten schreibt eben nicht die Autorin, sondern das Leben.
Und das Haus? Empfing uns, noch bevor wir uns richtig umgeschaut hatten. Nicht nur räumlich.
Zwischen zwei Bachläufen, am Fusse des Uetlibergs, steht ein dunkles Holzhaus im Atelier-Stil der späten 70iger das aussieht, als wäre es schon immer da gewesen. Fast ist es das auch. Das Grundstück gehört der Familie seit 1964, erworben als absoluter Glücksgriff von Grossvater Hans Zangger, selbst Architekt. Das Atelierhaus im Zopf, eingebettet zwischen Wald und Natur, ist lebendig, zeitgemäss und zutiefst persönlich.
David und Samanta Zangger leben hier mit ihren Kindern Leo und Mia. Eine charismatische Familie, wie aus dem Bilderbuch. Er Handwerker, Industriedesigner, Tüftler und Ästhet mit Seele. Sie mit einem ebenso feinen Gespür für das Schöne. Und dann ist da noch eine 60-jährige Monstera, die majestätisch über den Haussegen wacht, als wäre sie schon immer da gewesen. Ist sie auch, irgendwie.
Ihr Instagram-Account heisst @slow.home.slow. Slow bei den Zanggers ist kein einfacher Lifestyle-Claim, sondern versteht sich als echte, und echt gelebte authentische Haltung.
Slow bedeutet hier: Langsamkeit als Luxus. Dinge bewusst wählen. Sich Zeit lassen, das Richtige mit Sorgfalt und feinem Händchen zu finden.
Das gilt beim Innenausbau gleichermassen wie bei der Wahl der Möbel, der Kunst, der Blumen und allen anderen Dingen, die das wunderbare Atelierhaus mitbewohnen dürfen.
Auch in der Küche gilt das Prinzip: bewusst und bewusst gut. Dies zeigt nicht nur die Einrichtung der überhohen, imposanten offenen Atelierküche, sondern auch der unglaublich gute Kaffee, den mir David wie ein gelernter Barista anbietet.
Was dieses Zuhause von vielen anderen unterscheidet, ist nicht nur der Stil. Es ist die Tiefe. Hier ist nichts aus dem Katalog zusammengestellt und innerhalb einer Woche eingerichtet worden.
Jedes Möbel, jedes Objekt, jede Leuchte trägt eine Vergangenheit. Das gilt auch für das Haus selbst.
Wo es heute steht, stand früher ein Atelierhaus aus den 1930er-Jahren, abgelöst von einem Neubau, der den Umriss des Alten bewahrt hat.
Als wäre auch der Abdruck im Wald Teil des Erbes. David hat das von seinem Grossvater gekaufte Haus gemeinsam mit seinem Vater Thomas Zangger, ebenfalls Architekt, neu realisiert. Handwerk und Planung, zwei Generationen, eine Haltung.
Den Womb Chair von Eero Saarinen im Wohnzimmer, in Yves Klein Blau, einem Ton, der einem den Atem verschlägt, haben sie vom Grossvater geerbt und sorgfältig neu bezogen. Er macht sich wunderbar vor dem bunten Eames Storage Regal, ein Klassiker der mit seiner Mid-Century-Allure dem Atelierhaus der Zanggers noch mehr schmeichelt. Der alte Spind im Entrée auf dem David und Samantha – übrigens auch in Yves-Klein-Blauem Overall – schön für uns posierten hat seit seiner Lehre als Zimmermann stets einen Platz in jeder Wohnung gefunden. Eine Trouvaille fürs Leben sozusagen.
Das Sideboard der Grosseltern steht jetzt im Arbeitszimmer, wo die geerbte und neu aufbereitete Akari-Leuchte von Isamu Noguchi ihr warmes Licht verbreitet.
Der ehrwürdige Tisch im Esszimmer hat David aus Hafenpfosten aus dem Vierwaldstättersee geschaffen und das Bett im Kinderzimmer ist aus alten Bodenriemen gefertigt. Und die Monstera? Sechzig Jahre alt. Sechzig Jahre Familiengeschichte, zusammengefasst in einem Blatt.
Das Grundstück selbst haben David und Samanta von Davids Eltern übernommen.
In einer Zeit, in der Möbel oft schneller ausgetauscht werden als Jahreszeiten, ist das Atelierhaus im Zopf eine stille Antwort auf eine laute Frage. Was bleibt? Was ist es wert, zu bleiben? David und Samanta wählen mit Bedacht.
Der Eames Lounge Chair, der Wishbone Chair, der Womb Chair. Allesamt Klassiker, die die Spuren der Zeit mit Würde tragen.
Ergänzt werden sie von neueren Stücken, die denselben Anspruch erfüllen: einziehen, aber richtig. Und für richtig lange.
Der rezyklierte Bit Hocker bringt Modernität, Zirkularität und Frische ins Atelierhaus. Und die Monstera? Ist Basis, Lunge und vorallem Seele des Hauses und seiner Bewohner.
Eine grüne Seele, die das Haus und seine Geschichte ebenso in ihren Wurzeln verinnerlicht hat, wie sie die Geschichte und Zukunft jeden Tag aufs neue lebt.
Der Innenausbau selbst ist «aus einem Guss». Planer und das Unternehmen Schärholzbau haben gemeinsam mit David ein Konzept umgesetzt, das keine Kompromisse kennt.
Geseifte Weisstanne, präzise Masse, stehende und tragende Wände exakt definiert.
«Geschickt sparen, gekonnt klotzen»: das könnte das Credo dieses Hauses sein. Nichts dem Zufall überlassen. Und dennoch alles herrlich nonchalant.
Genau so, wie ich die Familie wahrnehme, übrigens. Stets fokussiert, sehr passioniert – aber alles mit einer Lässigkeit und irgendwie unangestrengt.
Sobald man dieses Atelier betritt, spürt man es sofort: Hier spielt das Licht die Hauptrolle
Sieben Oberlichter wurden bei ihrem Hausteil gezielt platziert, um das Licht einzufangen, das der Wald sonst schlucken würde. Nebenbei sorgen sie für eine natürliche Belüftung, die ganz ohne Knöpfe auskommt. Das Tageslicht fällt von oben ein, wandert durch die Räume, verändert sich mit der Tageszeit.
Und dann das, was hier bewusst fehlt: Storen. Im Sommer übernimmt der hohe Wald, zusammen mit den weit hinausragenden Vordächern, die Beschattung ganz von alleine. Die Natur als Architektin.
Leuchten, Leuchten, Leuchten 💡
David ist ein grosser Leuchten-Liebhaber. Im ganzen Haus finden sich ikonische Lichtquellen, die gleichermassen Wärme und subtile Helligkeit spenden, wie sie Objektcharakter besitzen.
Ein gekonntes, sehr fein selektioniertes Stelldichein von Stehleuchten, Tischleuchten, Wandleuchten. Alle indirekt, alle warm.
Die Akari-Leuchte von Noguchi im Arbeitszimmer und über dem bunten Eames Regal, die riesigen Hängeleuchten über dem Esstisch, die coole Baltensweiler auf dem Hocker neben dem Ledersessel, die riesige Potence-Leuchte über dem Muuto-Sofa und die kultige Flowerpot von ]Tradition auf dem Coffeetable – um nur einige aufzuzählen.
Dazu kommen zartnatürliche Holz-Leuchten, die David in seinem Atelier nebst seinen schönen Holzschalen selbst gestaltet und entwickelt hat. Ein Lichtprofi, der nichts dem Zufall überlässt.
Farblich bewegt sich das Haus in einem Universum aus hellem Holz, Weiss, Ocker und sattem Grün. Skandi as it's best, würd ich sagen.
Und dann, immer wieder: Rot. Ein roter Faden zieht sich durch alle Räume.
Dezent und selbstbewusst zugleich. Ein roter Akzent hier, ein Kunstwerk dort. Die Vintage-Leuchte mit dem Z' im Eingang, der rote Kelim-Teppich mitten im Wohnzimmer, der Leuchtensockel, die Blumen....
Red theory, könnte man sagen – die David mit seiner roten Schirm-Mütze auch bei seinem eigenen Look subtil zur Schau trägt. Kein lauter Schrei, eher ein Augenzwinkern.
Kunst spielt im Atelierhaus der kreativen Familie eine grosse Rolle.
Gemaltes und über die Jahre Gesammeltes mit Seele und Persönlichkeit geben den Möbelklassikern echte Tiefe und Wärme.
Kein Stück wirkt deplatziert, keines wirkt erzwungen oder zur Schau gestellt. Die Gedanken von David und Samanta sind in jedem Winkel spürbar, ohne dass sie einem ins Gesicht springen.
Was mich am meisten beeindruckt: Trotz der vielen Klassiker, der vielen Erinnerungen und des durchdachten Konzepts wirkt hier nichts verkrampft. Sam und David bewegen sich in ihrem Zuhause wie Menschen, die genau wissen, wo sie hingehören. Locker. Herzlich. Echt.
Als David während unseres Besuchs Musik auflegt, mit demselben Sorgfalt, mit der er alles tut, verändert sich etwas im Raum. Die Höhe und Luftigkeit des Hauses, das Spiel des Sonnenlichts, die Musik. Man schwebt durch die Räume. Kleine Alltagssorgen und To-do-Listen rücken in den Hintergrund.
Genau das ist es, was dieses Haus kann: den Moment zurückgeben.
Ein Haus, das nicht posiert. Eine Familie, die nicht inszeniert. Und dennoch, oder gerade deshalb, zieht jeder Blick die Aufmerksamkeit auf sich. Keine Effekthascherei. Nur echtes Leben, irgendwie besonders schön gelebt.
Wer denkt, das Atelierhaus im Zopf höre an der Haustür auf, hat noch nicht nach draussen geschaut.
Der Garten der Zanggers ist fast zu schön, um wahr zu sein. Grosszügig, vielschichtig, geheimnisvoll.
Eine weitläufige Holzterrasse lädt zum Verweilen ein, ein langer Esstisch wartet auf Sommerabende mit Familie und Freunden. Sandstein und Findlinge vom unteren Zürichsee setzen Akzente im Waldgarten, umgeben von heimischer Bepflanzung aus Buchen, Eiben,
Ahorn und Föhren. Nichts Exotisches und nichts Aufgesetztes. Nur das, was hier wächst.
Wer lieber allein sein möchte, findet sein verstecktes Plätzli mit Lido-Liegen, sonnig, still, kaum zu finden, wenn man nicht weiss, wo man suchen muss.
Und dann ist da noch der zauberhafte Naturteich mit Seerosen, ein Hauch Romantik mitten in der Natur, der ganz ohne Folie oder Abdichtung auskomm. Und der manchmal auch Bühne für Kunst ist, wie mir David zeigt und dabei versucht, die Buchstaben einer an den Zürichsee angelehnten Kunst-Installation in Zaum zu halten und für das Foto zu drapieren.
Nochmals zur fehlenden Folie: der lehmige Boden hält das Wasser von selbst. Wie vieles hier: Einfach, weil es so ist. Weil die Natur es kann.
Wer noch tiefer ins Grüne will, folgt dem schmalen Wegpfad, der sich vom Garten in den angrenzenden Wald schleicht, hinein in ein geheimnisvolles Waldplätzli, das für sich allein schon ein Zuhause wäre.
Draussen sein bei Familie Zangger bedeutet: wirklich draussensein. In der Natur, nicht neben ihr.
Das Atelierhaus im Zopf der Zanggers ist kein Showroom. Es ist ein Zuhause. Mit Geschichte, Charakter und einer Familie, die versteht, dass die schönsten Dinge nicht gekauft, sondern gelebt werden. Geerbt, aufgewertet, weitergetragen.
Die ehrwürdige Monstera wacht weiter. Die Kinder wachsen. Der Womb Chair bleibt blau.
Und das Licht, das warme, goldene, indirekte Licht, fällt jeden Abend neu in die Räume und macht sie jedes Mal ein bisschen mehr zu dem, was sie schon sind: ein Zuhause.